«Snelandia» – Land des Schnees – der Name, den die Finnmark Fylkeskommune, die Bezirksverwaltung der Finnmark, ihrem neu ausgeschriebenen ÖV-Angebot per 1.1.2016 gab, passt. Der Schnee ist für die nördlichste Provinz des europäischen Festlands während rund einem halben Jahr, im Gebirge auch länger, das prägende Landschaftselement. Dass der öffentliche Verkehr unter diesen Bedingungen nicht ganz einfach zu planen ist, dürfte klar sein – auch der Verfasser dieses Artikels hat dies während seiner Recherche am eigenen Leib erlebt. Der vorliegende Bericht zeigt hauptsächlich Bilder aus dem Winterbetrieb in der Finnmark; zur Dokumentation sind einzelne (ältere) Sommeraufnahmen eingestreut.
Ein Bericht von Jonas Schaufelberger (Text und Fotos).
Vom Staatsbetrieb zum Auftragnehmer
Die Provinz Finnmark mit Verwaltungssitz im relativ kleinen Vadsø sowie mit Alta (rund 12’000 Einwohner) als grösste Stadt liegt komplett über dem Polarkreis am nördlichsten Ende des europäischen Festlandes. Mit rund 76’000 Einwohnern leben etwa gleich viele Einwohner in der Provinz wie in Ob- und Nidwalden zusammen – dies allerdings auf einer Fläche von 48’000 Quadratkilometern, etwas mehr als die Schweiz.
Derzeit wird das Busangebot der Provinz Finnmark von der Boreal Transport AS aus Trondheim betrieben; hinter dem Namen stecken aber mehr als 100 Jahre Geschichte, der grösste Teil davon unter dem Namen FFR – Finnmark Fylkesrederi og Ruteselskap (Bezirksrederei und -Busgesellschaft Finnmark). Im Jahr 1916 noch als Finnmarkens Amtsrederi gegründet, führte die Gesellschaft, bis dahin ausschliesslich auf dem Wasser unterwegs, im Jahr 1937 die ersten Autobuslinien in der damals wie heute sehr dünn besiedelten Provinz ein und erhielt ihren bekannten Namen. Im Laufe der Jahre wurden diverse lokale Autobusbetriebe durch die FFR übernommen, so im Jahr 1976 die Firma Polarbil in Vadsø, welche bereits im Jahr 1920 ihre Buslinie von Tana über Vadsø und Vardø nach Svartnes in Betrieb nahm.
Titelbild: Die Marke Snelandia wurde per 1.1.2016 geschaffen und dient als Dachmarke für den öffentlichen Regionalverkehr in der Finnmark. Die meisten Busse werden von der Firma Boreal betrieben, die eine ihrer Wurzeln in der früheren FFR, dem Bezirks-Verkehrsbetrieb der Finnmark, hat. Die hier sichtbare Anschrift auf der Frontanzeige wird nur bei nicht im Fahrplan veröffentlichten Fahrten angezeigt – dieser Scania/Higer A30 ist als Kindergarten-Kurs zwischen Karigasniemi und Karasjok unterwegs.
Im Zuge der in Norwegen in den 1990er-Jahren fortschreitenden «Liberalisierung» des öffentlichen Verkehrs beschloss der Bezirk Finnmark 1994, die ÖV-Linien zukünftig auszuschreiben; in diesem Zusammenhang wurde die bis anhin staatliche FFR in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die ersten Ausschreibungspakete 1996 (erstes Paket Buslinien) und 1997 (Schiffsbetrieb) konnte die FFR gewinnen, auf den Buslinien in der Mittelfinnmark amtete dagegen ab 1999 die in Sortland im Bezirk Nordland ansässige Nordtrafikk Buss AS. Offenbar zeigte sich die Bezirksverwaltung mit beiden Betreibern zufrieden, sodass die jeweiligen Verträge nach Ablauf der offiziell ausgeschriebenen Periode mehrfach ohne erneute Ausschreibung Verlängert wurden.
Verkäufe und erneute Ausschreibungen nach der Jahrtausendwende
So blieb also die FFR auch als Aktiengesellschaft der dominierende ÖV-Anbieter in der Finnmark. Weniger konstant waren hingegen die Besitzverhältnisse der Firma. Die bisher staatliche Aktiengesellschaft wurde 2003 an die Connex Norge verkauft, eine Tochter des französischen Grosskonzerns Connex. 2006 kaufte die Firma, kurz zuvor wie das Mutterhaus in Veolia umbenannt, auch die Nordtrafikk Buss AS und fusionierte FFR, Nordtrafikk und weitere Busbetreiber im Jahr 2007 zur Veolia Transport Nord AS. Damit verschwand nach Jahrzehnten das gewohnte, rot-orange Design der Busse (auf Schiffen wurde stets eine weniger farbenfrohe Variante angewendet) zugunsten eines schlichten Weiss mit dezenten Veolia-Logos.
Im Jahr 2011 fusionierte das Mutterhaus Veolia mit Transdev zur Veolia-Transdev-Gruppe, wobei sich der neue Riesenkonzern von kleineren Märkten zurückziehen wollte. Per 6. Mai 2011 wurden deshalb die norwegischen Aktivitäten im Rahmen eines «Management Buyouts» aus dem Konzern herausgelöst, grossmehrheitlich an einen luxemburgischen Investor verkauft und in Boreal umbenannt. Die folgenden Jahre waren für Boreal geprägt von verschiedenen internen Umstrukturierungen, welche auf das weitgehend historisch gewachsene Angebot in der Finnmark jedoch keinen spürbaren Einfluss hatten. Seit 2016 sind die Tochtergesellschaften nicht mehr regional organisiert, sondern nach Verkehrsmittel: Für die Linien in der Finnmark ist seither nicht mehr die Boreal Transport Nord AS, sondern die Boreal Buss AS zuständig.
Ende 2014 musste sich die Firma erstmals seit längerem wieder einer Ausschreibung stellen; die Verkehrsleistungen vom 1.1.2016 bis zum 31.12.2022 wurden damals für den ganzen Bezirk neu ausgeschrieben – getrennt in Bus und Schnellboot. Erneut konnte der Betrieb einen „Sieg“ (tatsächlich hatte sich niemand anderes um die Linien beworben!) einfahren, und betreibt nun für sieben Jahre ein Netz, bestehend aus Stadt-, Überland- und Schulbussen, Schnellbooten und einzelnen Fähren.
Das Snelandia-Netz
Dabei wurde das historisch gewachsene Netz erstmals seit Jahrzehnten komplett neu strukturiert. Die Grundzüge des Angebotes wurden durch die Provinz vorgegeben, wobei zwischen den ersten Ausschreibungsunterlagen und dem tatsächlichen Angebot verschiedene Anpassungen erfolgten.


Grundpfeiler des Angebotes zu Lande sind nach wie vor die Überlandlinien, neu mit Nummern 60-66 bezeichnet. Sie verbinden die grössten Städte Alta, Hammerfest, Honningsvåg, Karasjok, Vadsø und Kirkenes untereinander, wobei die Frequenz von mehrmals täglich bis zu zweimal wöchentlich reicht. Als West-Ost-Querverbindung von Alta nach Kirkenes wurde nun voll auf eine 6x pro Woche bediente Route von Hammerfest über Olderfjord, Ifjord und Tana nach Kirkenes gesetzt, die ursprünglich geplante Expresslinie über Karasjok wurde nur am Freitag- und Sonntagabend geführt und im Dezember 2018 mangels Frequenzen gar auf den Abschnitt Alta – Karasjok eingekürzt. Die Linie über Ifjord kann zwar deutlich mehr Ortschaften anbinden, hat aber den Nachteil, dass sie die Bergstrecke über das Ifjordfjell beinhaltet, welches im Winter oftmals gesperrt ist – so kann es durchaus vorkommen, dass mit dem öffentlichen Verkehr über mehrere Tage keine Verbindung von der Ost- in die Westfinnmark besteht.




Nebst den Hauptlinien bestehen Stadtbusnetze in Alta, Hammerfest, Honningsvåg und Kirkenes, und einige wenige Überlandlinien in grössere Ortschaften, welche sich allerdings an einer Hand abzählen lassen. Der Grossteil des Linienverkehrs auf dem Land wird hingegen von Schulbuslinien sichergestellt, welche zwar publiziert und für zahlendes Publikum zugelassen sind, deren Fahrpläne aber auch kurzfristig den Schulbedürfnissen angepasst werden können und die somit für den Gelegenheitsreisenden kaum nutzbar sind.



Eine ganz neue Angebotsgattung wurde ebenfalls eingeführt: Die so genannten Flexx-Busse mit Nummern 8xx. Dabei handelt es sich um Rufbuslinien mit sehr unterschiedlichen Frequenzen (von mehrmals täglich wie bei den Ruf-Stadtbussen in Vadsø und Honningsvåg bis zu 1x wöchentlich bei einigen Überlandlinien), welche im Gegensatz zum übrigen Liniennetz mehrheitlich nicht durch Boreal, sondern durch lokale Transportunternehmer bedient werden. Die Fahrzeuggrösse variiert dabei von komfortablen, 16-plätzigen Kleinbussen bis zum Standard-PW in Taxi-Ausführung. Der Unterschied zum Taxi ist, dass in jedem Fall die üblichen Linientarife gelten, ohne weitere Zuschläge – und dass eine Reservation ganz einfach übers Internet getätigt werden kann.


Täglich unterwegs – auch oder gerade zur See…
Das gilt übrigens auch für viele Stationen der Schnellboote, auf Norwegisch „Hurtigbåt“ genannt. Das Liniennetz verbindet vor allem die diversen Inseln im Westteil der Provinz mit den Städten Alta, Hammerfest und Havøysund, aber auch mit kleineren Häfen. Die Kurse sind recht gut auf die Anschluss-Buslinien ausgerichtet, sofern sie nicht dem Schülerverkehr dienen. Die eingesetzten Schnellboote variieren punkto Grösse, sind mehrheitlich aber Katamarane mit weniger als 100 Passagieren Kapazität, viele davon können auch einzelne PKW laden. Für die Inseln sind sie oft die einzige Verkehrsverbindung, und entsprechend wird grossen Wert auf eine wetterfeste Konstruktion gelegt.

Das führt dazu, dass der Seeweg oftmals zuverlässiger ist als der Landweg. Vor allem Winterstürme können das Strassennetz schlimmstenfalls über Tage, oftmals aber zumindest in den Morgenstunden lahmlegen – während der Schiffsverkehr mit etwas Verspätung oder Auslassen von einzelnen besonders exponierten Anlegestellen weiterhin funktioniert.
Auch die Hurtigruten, die längste täglich bediente Schifffahrtslinie der Welt, ist nach wie vor Bestandteil des regionalen öffentlichen Verkehrs (wenngleich Subventionen nur durch den Staat, nicht aber durch die Bezirke geleistet werden) – und gerade bei schlechtem Wetter und gesperrten Strassen für viele Orte die einzige Verbindung mit der Aussenwelt. Während einigen Jahren – zuletzt von 1988 bis 1996 – stellte auch die FFR ein Schiff auf der legendären Route. Heute hat die Zuverlässigkeit der Schiffe für den Lokalverkehr massiv abgenommen: die verstärkte Ausrichtung auf Touristen hat immer grössere und komfortablere Schiffe gebracht, die aber im Gegensatz zu den älteren, kleineren Einheiten bei schlechtem Wetter kaum noch in die engen Häfen manövriert werden können. Auch werden bei (während Winterstürmen regelmässig auftretenden) Verspätungen kleinere Häfen relativ kurzfristig ausgelassen, um eine rechtzeitige Ankunft in Kirkenes für das Erreichen der Anschlussflüge zu gewährleisten.


Die Marke Snelandia – Nur ein kurzes Zwischenspiel?
Bis zum 31.12.2015 waren die Busse bei allen Namenswechseln jeweils im Design des Betreibers unterwegs (wobei sich dies von Boreal nur unwesentlich von dem des früheren Mutterhauses Veolia unterschied). Seit dem 1.1.2016 sind die Linienbusse unter der Marke «Snelandia» ganz in Blau unterwegs; auch Fahrpläne und Ticketsystem sind unter der entsprechenden Website erstmals für den ganzen Bezirk auffindbar. Damit heben sich die Busse wohltuend von jenen in den südlicheren «Nordprovinzen» Troms und Nordland ab, in denen sie mit wenig durchdachten Abwandlungen des jeweiligen Corporate Identity der Provinz unterwegs sind.
Wie lange allerdings, steht in den Sternen. Im Rahmen der laufenden Verwaltungsreform soll die Zahl der Norwegischen Bezirke massiv reduziert werden – in diesem Zusammenhang werden per 1.1.2020 die Bezirke Finnmark und Troms zu einem neuen Grossbezirk zusammengefasst. Obschon die Bevölkerung der Finnmark in einer Volksabstimmung mit 87% dagegen votierte, sind die Vorbereitungen nun in vollem Gange. Der Widerstand der Finnmark erklärt sich einerseits mit der Samischen Minderheit, die in der Finnmark zahlenmässig eine relevante Stellung hat, in einer neuen Grossprovinz jedoch noch deutlicher in die Minderheit abrutschen würde – aber auch mit dem Verlust von Verwaltungsarbeitsplätzen und Bedeutung im neuen Gebilde, dessen Hauptstadt Tromsø alleine gleich viele Einwohner haben wird wie die gesamte Provinz Finnmark heute. Dazu kommen die reinen Distanzen – die Fahrt zwischen Tromsø und dem heutigen Verwaltungssitz der Finnmark in Vadsø führt immerhin über 789 Strassenkilometer und dauert mit dem Auto mindestens 10 Stunden – mit dem ÖV-Landweg ist sie in einem Tag nicht zu bewältigen. Ob die Busse dann noch als Snelandia vermarktet werden, ist derzeit noch nicht klar – möglicherweise wird also eine der wenigen wirklich unverwechselbaren Marken im norwegischen ÖV nach wenigen Jahren bereits wieder verschwunden sein.

Jonas Schaufelberger
Jonas Schaufelberger ist Mitgründer von ÖV Panorama und wohnt in Rapperswil-Jona. Er beschäftigt sich beruflich und in der Freizeit mit dem öffentlichen Verkehr und dokumentiert mit seiner Website www.postautohalter.info seit 2009 Fahrzeuge und Linien des "gelben Riesen". Daneben liegt sein Schwerpunkt auf dem Überland-Busverkehr in der Schweiz, wobei er (wie auch bei seinen gelegentlichen fotografischen Exkursen nach Nord- und Osteuropa) stets per ÖV oder zu Fuss unterwegs ist.