Die Niederlande sind als Nation von Wasserbauern bekannt. Mit den Zuiderzeewerken wurde aus einem berüchtigten Arm der Nordsee ein Binnensee – und das Bahn- und Busnetz rundherum liefert Einblicke in die niederländische ÖV-Welt.
Ein Bericht von Jonas Schaufelberger (Text und Fotos).
Der Auslöser war eine Sturmflut im Januar 1916. Das nächtliche Hochwasser überflutete weite Flächen entlang der Zuiderzee, so der Name des Meeresarmes, welcher weit hinein in die Niederlande bis zu den Deltas von Ijssel und Eem hineinragte – und erreichte über die Unterläufe dieser Flüsse auch Dörfer bis hin zum wichtigen Handels- und Industriestädtchen Zwolle an der Ijssel. Es war der Startschuss für ein Jahrhundertprojekt, das sogar vom Mond aus zu erkennen ist: Die so genannten Zuiderzeewerke – ein umfassendes Wasserbauprojekt mit Deichen, Poldern und Pumpwerken – welches letzendlich zum Verschwinden der namensgebenden Zuiderzee führte.
Seit der Vollendung des grossen Abschlussdeiches 1932 ist aus dem früheren Meeresarm ein Binnensee, das so genannte Ijsselmeer, geworden. Mit dem Bau von weiteren Deichen und Poldern wurde dieses in der Folge immer weiter verkleinert, zuletzt mit dem «Bau» des südlichen Flevopolders im Jahr 1967, und ausserdem in mehrere kleinere Seen aufgesplittert, die teilweise nur über Schleusen und Kanäle verbunden sind.
Rund um das gezähmte Wasser, und dank Poldern sogar auf dessen früherem Grund, wurden immer mehr Flächen trockengelegt – zuerst hauptsächlich für die Landwirtschaft, später immer häufiger auch als Bauland für die stark wachsende Bevölkerung des kleinen Küstenlandes. Diese Landstriche mussten natürlich auch versorgt und verbunden werden: Wurden auf den ersten Poldern noch kleine Dörfer angelegt, welche in optimaler Velo-Distanz zueinander lagen, nehmen heute Strasse und Schienenverkehr eine zunehmend wichtige Rolle für die Erschliessung des dicht besiedelten Landes rund um die frühere Zuiderzee wahr.
Der Aufbau des Schienennetzes
Das niederländische Schienennetz ist vergleichsweise aufgebaut. Die wichtigsten Bahnstrecken rund um das Ijsselmeer waren zur Zeit der Erreichtung des Abschlussdeiches längst gebaut. Bereits in den 1860er-Jahren bestand ein Eisenbahn-Halbring von Den Helder über Amsterdam, Utrecht, Zwolle und Leeuwarden bis Harlingen, bis in die 1880er-Jahre ergänzt von verschiedenen Stichstrecken, welche noch näher ans und dank Fährverbindungen teilweise auch über das Meer führten. Da es sich um Hauptstrecken handelt, wurden mit Ausnahme der Strecke Leeuwarden–Harlingen alle Linien des Rings zwischen 1931 und 1958 elektrifiziert; einige Nebenlinien folgten später auch noch, etwa diejenige zwischen Zwolle und Kampen im Jahr 2017.
Der wichtigste Meilenstein nach der Eröffnung des Abschlussdeiches war hingegen der Bau einer Bahnlinie auf dem Flevopolder. Bahnverbindungen wurden bereits beim Bau des nördlichen Polders – ab 1957 benutzbar – geplant, aber erst mit der Trockenlegung des südlichen Polders ab 1967 wurden die Pläne konkret. Eröffnet wurde die so genannte Flevolijn zwischen Weesp und Lelystad aber schliesslich erst 1987 (bis Almere) bzw. 1988. Die Linie ermöglichte die Anbindung der beiden stark wachsenden Städte an Amsterdam – insbesondere die Stadt Almere wurde auch ganz gezielt dazu gebaut, günstigen Wohnraum für die Bevölkerung der aus allen Nähten platzende Hauptstadt zu schaffen.

Als Polder bezeichnet man ein Stück Land, welches durch Eindeichung und Trockenlegung einem See oder Meer abgerungen wird. Der Noordoostpolder, als erster Polder aus dem erst kurz zuvor durch den Abschlussdeich von der Nordsee abgetrennten Ijsselmeer geschaffen (der Wieringermeerpolder wurde noch in der offenen Zuiderzee als eine Art Prototyp gebaut), wurde ab 1936 gebaut und ab Anfangs 1941 leergepumpt. Drei Hauptpumpwerke übernehmen bis heute die Entwässerung des Polders, darunter das «Gemaal Smeenge» bei Kraggenburg. Die Buslinie 71 von Zwolle nach Emmeloord fährt direkt über die nebenstehende Schleuse, der Verkehr über die enge Holzbrücke wird mit Lichtsignalen geregelt und die Brücke bei passierenden Booten geöffnet.
Die Pläne für die Weiterführung der Bahnlinie Richtung Norden wurden hingegen weiter verzögert, nicht zuletzt, weil man sich politisch nicht einig wurde, ob die Bahnstrecke ab Lelystad direkt nach Zwolle geführt werden sollte (was die Verbindung von Amsterdam zu diesem wichtigen Regionalzentrum und weiter nach Groningen im Norden deutlich beschleunigt) oder aber über den bisher schienenlosen Noordoostpolder mit Hauptort Emmeloord und dann weiter über Heerenveen und Drachten nach Groningen geführt werden sollte. Schliesslich fiel der Entscheid für erstere Variante, welche 2012 vollendet wurde. Die so genannte Hanzelijn ermöglichte ein neues «InterCity-Kreuz» in Zwolle, mit Zügen von Den Haag über Amsterdam Süd, Almere und Zwolle nach Groningen und von Rotterdam über Gouda, Utrecht, Amersfoort, Zwolle und Heerenveen nach Leeuwarden, wobei die Züge in Zwolle jedes zweite Mal (also je stündlich) über Kreuz weitergeführt werden, sodass für alle Relationen stündlich Direktverbindungen resultieren und in der anderen halben Stunde eine perrongleiche Umsteigeverbindung.
Bis heute wird das Hauptnetz in den Niederlanden durch die staatliche Nederlandse Sporwegen geführt, welche sowohl rasche InterCity-Züge als auch die überall haltenden Sprinter-Züge führt. Verschiedene Nebenlinien wurden hingegen inzwischen ausgeschrieben – bereits 1999 etwa übernahm Arriva, anfänglich mit ihrer Tochtergesellschaft NoordNed, den Verkehr auf den Diesel-Linien in Friesland und Groningen, seit 2017 fährt die SNCF-Tochter Keolis zwischen Kampen, Zwolle und Enschede.
Privatisiertes Busnetz
Im Gegensatz zum Bahnnetz, dessen vollständige Privatisierung bis heute ein Traum sparsamer Politiker ist, ist der Bus-Linienverkehr in den Niederlanden ähnlich den nordeuropäischen Ländern grossmehrheitlich «privatisiert», wobei mit dem FS-Unternehmen Busitalia (in den Niederlanden unter QBuzz vermarktet), der DB-Tochter Arriva und der SNCF-Tochter Keolis auch hier ein beträchtlicher Teil der Netze in der Hand von quasi-staatlichen Unternehmen ist.
Rund um das Ijsselmeer ist Keolis unter anderem mit den Konzessionen Ijssel-Vecht, Utrecht und Stadtverkehr Almere präsent, wobei letztere beiden noch unter dem bis 2017 verwendeten Namen Syntus betrieben werden, der noch aus einer Zeit vor dem Kauf des Unternehmens durch Keolis stammt. Arriva deckt rund um das Ijsselmeer mit dem zusammengewürfelten Netz «Noord- en Zuidwest-Fryslân en Schiermonnikoog» sowie dem Stadtverkehr Lelystad zwei sehr unterschiedliche Netze ab.
Bis heute wird das Hauptnetz in den Niederlanden durch die staatliche Nederlandse Sporwegen geführt, welche sowohl rasche InterCity-Züge als auch die überall haltenden Sprinter-Züge führt. Verschiedene Nebenlinien wurden hingegen inzwischen ausgeschrieben – bereits 1999 etwa übernahm Arriva, anfänglich mit ihrer Tochtergesellschaft NoordNed, den Verkehr auf den Diesel-Linien in Friesland und Groningen, seit 2017 fährt die SNCF-Tochter Keolis zwischen Kampen, Zwolle und Enschede.
Privatisiertes Busnetz
Im Gegensatz zum Bahnnetz, dessen vollständige Privatisierung bis heute ein Traum sparsamer Politiker ist, ist der Bus-Linienverkehr in den Niederlanden ähnlich den nordeuropäischen Ländern grossmehrheitlich «privatisiert», wobei mit dem FS-Unternehmen Busitalia (in den Niederlanden unter QBuzz vermarktet), der DB-Tochter Arriva und der SNCF-Tochter Keolis auch hier ein beträchtlicher Teil der Netze in der Hand von quasi-staatlichen Unternehmen ist.
Rund um das Ijsselmeer ist Keolis unter anderem mit den Konzessionen Ijssel-Vecht, Utrecht und Stadtverkehr Almere präsent, wobei letztere beiden noch unter dem bis 2017 verwendeten Namen Syntus betrieben werden, der noch aus einer Zeit vor dem Kauf des Unternehmens durch Keolis stammt. Arriva deckt rund um das Ijsselmeer mit dem zusammengewürfelten Netz «Noord- en Zuidwest-Fryslân en Schiermonnikoog» sowie dem Stadtverkehr Lelystad zwei sehr unterschiedliche Netze ab.
Ein wichtiger Teil des Busnetzes vor allem im Norden sind die so genannten Q-Liner, welche als Teile verschiedener Konzessionen bestehen und als Schnellbuslinien die wichtigsten Strecken ohne Bahnanschlüsse beschleunigt bedienen. In Bezug auf das Ijsselmeer von besonderer Bedeutung ist die Linie 350, welche die fehlende Bahnverbindung über den Abschlussdeich kompensiert und die Städte Leeuwarden und Alkmaar miteinander verbindet. Die Linie ist Teil der Arriva-Konzession in Friesland und wird stündlich bedient, wobei an beiden Enden des Abschlussdeiches in Zurich und Den Oever Knotenpunkte bestehen, an denen die Buslinie Anschluss in die umliegenden Regionen bietet.
Am anderen Ende der Skala ist ebenfalls eine niederländische Besonderheit zu finden, die sich aber langsam auch in anderen europäischen Ländern zu etablieren beginnt. Wo sich eine «echte» Buslinie nicht rechnet, fährt eine der mehreren Hundert so genannten «Buurtbus»-Linien – als «Nachbarschaftsbusse» oder Bürgerbusse zu übersetzen. Die Linien sind üblicherweise voll in die Fahrplansysteme der jeweiligen Konzessionen integriert, werden aber durch lokale Vereine getragen, welche die ehrenamtlichen Chauffeure stellen. Nicht alle, aber viele Linien sind ausserdem in die jeweiligen Tarifsysteme integriert – es gibt aber auch andere Modelle bis hin zur notwendigen Mitgliedschaft im Verein für die Mitfahrt.
Rund um die «Randstad»
Mit Amsterdam grenzt auch eine der verbliebenen drei Städte mit kommunalen Verkehrsbetrieben an das Ijsselmeer – die dortigen GVB betreiben ein dichtes Netz aus Stadtbus-, Tram- und Metrolinien. Neben der Hauptstadt weisen lediglich Den Haag und Rotterdam noch kommunale Verkehrsbetriebe auf, welche ihre Leistungen bisher stets «unter der Hand» behalten konnten. Alle anderen Stadtnetze sind öffentlich ausgeschrieben worden (etwa in Almere und Lelystad auf Flevoland) oder Teil grösserer regionaler Konzessionen (rund um das Ijsselmeer beispielsweise in Utrecht, Zwolle und Leeuwarden).
In den letzten Jahren werden vermehrt Buslinien um Amsterdam (sowie um Den Haag und Rotterdam) unter der Marke «R-Net» vermarktet, was für «Randstad-Net» steht – mit den Linien soll die riesige Doppel-Metropolitanregion um Amsterdam, Den Haag und Rotterdam besser an ihre Zentren angebunden werden. Voraussetzung für das «Gütesiegel» ist ein dichter Takt oder eine beschleunigte Linienführung, eine funktionierende Busbevorzugung, komfortable Fahrzeuge und moderne Informationssysteme im Fahrzeug und an den Haltestellen. Die Linien führen auch aus den Provinzen Noord- und Zuid-Holland hinaus nach Flevoland und in die Provinz Utrecht.
Funktionierendes ÖV-System
Als Besteller und (auf grösserer Flughöhe) auch als Planer der Busnetze treten in allen Fällen weiterhin die Metropolitanregionen oder Provinzen auf, weshalb das Busnetz in den Niederlanden, anders als beispielsweise in England, trotz Privatisierung integral geplant und auf das Schienennetz abgestimmt wird.
Die Tarifierung erfolgt grundsätzlich national – mit der Einführung der OV-Chipkaart, einer Wertkarte mit der Möglichkeit, auch Abonnemente und Zusatzangebote darauf zu laden, ist ein verkehrsträger- und konzessionsübergreifender Verkehr im ganzen Land möglich, wenn auch relativ teuer. Für Vielfahrer, Feriengäste oder Ausflügler stehen deshalb unzählige Spezialangebote zur Verfügung, die regional oder von den einzelnen Transportunternehmen organisiert und vertrieben werden, was das System insgesamt wieder recht unübersichtlich macht.
Wie weiter?
Natürlich bestehen auch in den Niederlanden Projekte zur Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs.
Bahnseitig steht vor allem die Bündelung der Linien auf dem Plan – zur Reduktion von technischen Störungen soll der ÖV in Zukunft vermehrt linienrein angeboten werden, so dass Konzepte wie der halbstündliche «IC-Wechsel» in Zwolle längerfristig zugunsten gesicherter Anschlüsse aufgegeben werden sollen. Damit soll sich die Zuverlässigkeit des Netzes deutlich erhöhen, da vermehrt Weichenverbindungen wegfallen oder nur noch in Ausnahmefällen gestellt werden müssen – ebenso wird sich durch den Wegfall von Querfahrten und Kreuzungen die Kapazität des Netzes weiter erhöhen, was angesichts der steigenden Nachfrage wichtig ist.
Beim Bus ist die Elektrifizierung des Netzes das vordringliche Ziel –im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum, wo auch aktuell (mit Ausnahme einer wachsenden Zahl von städtischen Regionen) noch regelmässig Dieselbusse beschafft werden, sind in den Niederlanden Verbrennungsmotoren bei neuen Konzessionen nur noch in Ausnahmefällen akzeptiert. Die Konzession «Ijssel-Vecht», welche aktuell als Notkonzession für zwei Jahre läuft, verwendet Dieselbusse nur noch auf einigen wenigen Stadtlinien, während ein Grossteil des Netzes mit rund 250 elektrischen Zweiachsern bedient wird. Daneben wird der flächige Ausbau des R-Net-Netzes auf die ganze Randstad-Region weitergeführt.
Insgesamt soll der ÖV so – zusammen mit dem in den Niederlanden allgegenwärtigen Velo – einen noch grösseren Teil zu einem ökologisch nachhaltigen Verkehrssystem beitragen. Ob dies mit dem bestehenden Tarifsystem gelingt, ist noch zu beweisen.
Informationen über den niederländischen ÖV bietet insbesondere das sehr umfangreiche OVNL-Wiki, zugänglich unter diesem Link.
Die Wissensplattform „CROW“ stellt zahlreiche weitere Informationen und Daten über den niederländischen ÖV und allgemein über Verkehrs- und Raumplanung zur Verfügung – unter anderem die so genannten „Concessieposter“ als jährliche Übersicht über die Konzessionsaufteilungen im ÖV. Grundlage für den Artikel war der Stand 2022.
- Silvan Pleisch für die ergänzenden Fotos und den fachlichen Austausch während der Fototouren
- Harry und Denis Laming für das „kritische“ Review und den Link zur niederländischen Bus-Szene.
Jonas Schaufelberger
Jonas Schaufelberger ist Mitgründer von ÖV Panorama und wohnt in Rapperswil-Jona. Er beschäftigt sich beruflich und in der Freizeit mit dem öffentlichen Verkehr und dokumentiert mit seiner Website www.postautohalter.info seit 2009 Fahrzeuge und Linien des "gelben Riesen". Daneben liegt sein Schwerpunkt auf dem Überland-Busverkehr in der Schweiz, wobei er (wie auch bei seinen gelegentlichen fotografischen Exkursen nach Nord- und Osteuropa) stets per ÖV oder zu Fuss unterwegs ist.